Thilo Hilpert zur Ausstellung
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Der vorliegende Text entspricht inhaltlich der Rede Thilo Hilperts anläßlich der Ausstellungseröffnung; aus redaktionellen Gründen geben wir hier das Vorwort zum Katalog wieder.
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Vorwort
Am Ende des Schreibens stehen immer die besonders mühseligen Zeilen für den Anfang. So ziehen Einleitungen auch Bilanz.
Vermutlich wäre es ohne die Begegnung mit Bauten und Architekten in Chicago bei einer Reise zu Anfang des Jahres 2000 gar nicht zur Idee einer Ausstellung gekommen. Gleichzeitig war ich gedanklich noch mit meinen Forschungen über die Moderne im Nachkriegsdeutschland befaßt. Auch kündigten sich bereits die großen Ausstellungen dieses Jahres in New York zu Mies van der Rohe an.
Am Bauhaus in Dessau hatte man in den Jahren seit der Wende immer wieder auf Forscher treffen können, die für diesen Ort, wo er der letzte Direktor gewesen war, endlich eine Auseinandersetzung mit Mies einforderten, die im Osten unterblieben war. Aber spätestens nach einer Zeit intensiver Nachforschungen muß eingestanden werden, daß auch die Rezeption im Westen nicht zur Würdigung seines Werks in einer repräsentativen Ausstellung fähig war. Die großen Ausstellungen zu Mies van der Rohe seit der Ausstellung 1968 in der Akademie der Künste aus Anlaß der neu eröffneten Nationalgalerie waren alle Übernahmen aus New York oder Chicago, die von 1987 im Deutschen Architekturmuseum ebenso, wie die im Alten Museum Berlin im Jahr 2001.
Kann es aber wirklich eine kulturelle Identität geben, wenn die brutale Zäsur, die Vernichtung der eigenen progressiven Kultur eher übergangen als in den Auswirkungen bedacht wird, zumal bei einem Architekten, der als der bedeutendste Entwerfer der klassischen Moderne aus Deutschland gelten kann? Daß die Erarbeitung der eigenen Rezeption sich nicht im öffentlichen Ereignis einer Ausstellung zu bündeln vermochte, heißt nicht etwa, daß man sich frei von historischen Erblasten bewegt, sondern daß man mit den Interpretationen anderer lebt. Zugleich auch ist zu beobachten, daß die verdienstvolle Interpretation des Schaffens von Mies gleich nach dem Krieg durch Philip Johnson gegenwärtig sich in der Wiederholung bekannter Sichtweisen und Fakten zu erschöpfen droht.
Vielleicht aber hängen die Schwierigkeiten eine Ausstellung zu Mies van der Rohe im Land seiner Ursprünge zu veranstalten auch mit den Ereignissen des Jahres 1953 um das Theaterprojekt zusammen. Keine Ausstellung läßt sich ohne einen Kernbestand an Originalen bewerkstelligen. Aber allein mit den Mängeln der materiellen Basis und dem wiederholt beklagten Wuchern großer Museen mit den Beständen zum Werk von Mies läßt sich ein solches Defizit nicht erklären. Unerforschte Aspekte und auch Themen und Anlässe gab es.
Wir haben regelrecht darum gebangt, daß die großen mit Originalen prunkenden Schauen dieses Jahres in New York wenigstens das Modell und die Pläne zum Projekt für das Nationaltheater in Mannheim von 1952/53 auslassen würden. Die Emissäre übergingen es dann auch, denn es paßte wohl nicht recht in die Einteilung der beiden Schwerpunkte "Mies in Berlin" (Museum of Modern Art) und "Mies in America" (Whitney Museum), die mit dem Jahr der Emigration 1938 die Zäsur setzten. Wobei eigentlich nicht verständlich ist, warum die Ausstellung "Mies in America" nicht auch nach Berlin kommt ...
Die Vorbereitung der Ausstellung wurde zur Forschung. Es war nicht zu übersehen, daß der Theaterbau aus der Nachkriegszeit in Mannheim, selbst in den Verkehrungen der Form, noch immer auf Mies hindeutete und es gab in allen Publikationen zum Werk einen Entwurf von Mies, der trotz hervorstechender Qualität und Bedeutung für sein Denken eigenartig ungreifbar blieb.
Als wir im März 2000 endlich mit der Phase konkreter Vorbereitungen beginnen konnten, ließ sich nicht voraussehen in welchem Umfang die Ausstellung zur Darstellung neuer Forschungsergebnisse werden würde. Immer neue bis dahin unbekannte Dokumente und Beiträge traten zutage bis sich das Theaterprojekt von 1953 als wichtigste Zäsur der Moderne im Nachkriegsdeutschland verdeutlichte. Ausstellung und Buch werden darum wohl auch als Bericht über die Widersprüche und Spannungen gelesen werden, aus denen sich die Grundlagen für die Architektur dieses Landes formten. Vieles davon gewinnt in diesen Tagen auf bizarre Weise eine Aktualität. Mit seinem Entwurf tritt Mies van der Rohe auch als ein Architekt der Avantgarde hervor, der nicht bei den Lösungen der klassischen Moderne stehenblieb. Die Beiträge international renommierter Publizisten machen die Strömungen einer experimentellen Moderne deutlich, die in Deutschland im Klima der Nachkriegszeit kein Zentrum mehr fand.
Thilo Hilpert, November 2001.
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